Das „C“ der Zukunft: Warum das christliche Menschenbild die CSU leiten muss
Unser Auftrag: Das „C“ und „S“ auch in Zukunft zum Wohl der Menschen verbinden!
Wer über den Umbau des Sozialstaats spricht, muss auch über die Werte sprechen, die ihn auch in Zukunft tragen sollen. Denn Werte sind das Fundament, auf dem eine Gesellschaft aufgebaut ist: Wenn hier etwas nicht stimmt, hat das fatale Auswirkungen auf die Statik des gesamten Gebäudes und damit auch auf den Sozialstaat.
Ausgehend von diesem Leitgedanken habe ich an dieser Stelle dafür geworben, das „S“ neu zu definieren:
Weg vom Verteilungsstaat, hin zum Befähigungsstaat!
Jede Reform braucht einen Kompass. Dieser „Wertekompass“ war und ist für die CSU das „C“. Und gerade weil dieses “C” heute von vielen Seiten unter Druck gerät - von den einen kritisiert, von den anderen vereinnahmt und von leider immer mehr Menschen ignoriert - ist es an der Zeit, es für die neuen Herausforderungen auch neu zu definieren.
Zu diesen neuen Herausforderungen gehört, dass Rechtspopulisten christliche Symbolik instrumentalisieren, ohne für eine auf christlichen Werten basierende Gesellschaftsordnung einzutreten.
„Heute scheint die Versuchung, durch das Schüren von Polarisierung
an Popularität zu gewinnen, eher gewachsen als abgenommen zu haben,
und die Menschenwürde wird weiterhin verletzt.“
- Papst Leo XIV. am 6.6.2026 auf seiner Spanien-Reise
Und die großen Umbrüche unserer Zeit, von der Flut an Propaganda und Fake News in den Sozialen Medien über die Künstliche Intelligenz und den demografischen Wandel bis zur gesellschaftlichen Spaltung, hinterlassen bei vielen Menschen und gerade auch bei unseren Kindern und Jugendlichen große Verunsicherung und tiefe Orientierungslosigkeit. Gerade deshalb muss die CSU wieder klar benennen, was das von ihr vertretene „C“ in dieser Zeit des Wandels bedeutet.
Die Ökonomie darf nicht im Gegensatz zur Menschlichkeit stehen
Dabei verändert sich der Wesenskern des „C“ in „CSU“ selbstverständlich nicht: Jeder Mensch besitzt eine unverfügbare Würde, die ihm niemand verleiht und die ihm deshalb auch niemand nehmen kann. Der Mensch ist Person, nicht Mittel zum Zweck.
Diese Grundannahme ist das Fundament für unser ganzes politisches Programm. Es verbietet deshalb, Menschen auf ihren ökonomischen Nutzen zu reduzieren, sei es am Anfang des Lebens, an seinem Ende oder in der Mitte, wenn Krankheit, Behinderung oder Arbeitslosigkeit die Leistungsfähigkeit begrenzen. Alois Glück, einer der großen Vordenker der CSU, hat es immer wieder so formuliert: „Die Ökonomie darf niemals im Gegensatz zur Menschlichkeit stehen.“ Dieser Satz ist heute, in einer Ära, in der Haushaltszwänge als Argument gegen elementare soziale Rechte vorgebracht werden, aktueller denn je.
Das christliche Menschenbild verpflichtet aber auch dazu, den Menschen etwas zuzutrauen: Wer den Menschen als handlungsfähiges, verantwortliches Wesen begreift, kann ihn nicht dauerhaft zum Objekt staatlicher Verwaltung machen. Es ist damit beides zugleich: Schutzversprechen und Zumutung.
Genau diese Doppelung unterscheidet auch uns als CSU vom reinen Versorgungsdenken linker Parteien ebenso wie vom kalten Effizienzkalkül neoliberaler Strömungen.
Auch wenn wir in einer pluralistischen Gesellschaft und einem weltanschaulich neutralen Staat leben, darf unser Gemeinwesen nicht wertneutral sein. Prinzipienlosigkeit ist keine geeignete Grundlage unseres Staates. Christliche Grundwerte sind unverzichtbar. Und sie gelten selbstverständlich für alle: für den Christen wie für die Jüdin, für den Konfessionslosen wie für die Muslima.
Ein „C“, das zur Abgrenzungsformel verkommt, hat seinen Kern bereits verraten.
Ein Wert, der gekapert wird
Hier liegt die aktuelle Gefahr. Wir erleben, dass politische Kräfte am rechten Rand christliche Symbole für sich reklamieren, das Kreuz zum Kampfzeichen umdeuten und vom „christlichen Abendland“ reden, während sie zugleich alles aushöhlen, was christliche Werte im Kern ausmacht: die Nächstenliebe, die keine Herkunft prüft, die Barmherzigkeit gegenüber den Schwachen, den Respekt vor der Würde auch des Fremden.
Die Antwort darauf kann nicht Schweigen sein, und sie kann erst recht nicht Anpassung sein. Eine Volkspartei der Mitte gewinnt die Auseinandersetzung mit dem Populismus nicht, indem sie dessen Tonlage imitiert, sondern indem sie glaubwürdig zeigt, dass ihre Politik einem anderen, besseren Maßstab folgt. Die CSU ist dann am stärksten, wenn sie ihre Werte als Maßstab politischen Handelns ernst nimmt. Das ist zugleich die beste Immunisierung gegen den Zulauf zu den Rändern.
Was das „C“ in einer säkularen Gesellschaft trägt
Man wird einwenden: Die Kirchenbindung schwindet, die Gottesdienste leeren sich, in manchen Milieus ist das Christentum kaum mehr als eine ferne Erinnerung. Verliert das „C“ damit seine Geschäftsgrundlage? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Gerade in einer Gesellschaft, in der religiöse Selbstverständlichkeiten verschwinden, wächst der Bedarf an einem stabilen Wertfundament. Deshalb erinnert die Präambel der Bayerischen Verfassung von 1946 eindringlich daran, wohin eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen geführt hat. Daraus erwuchs das „C“ in der Unionsidee: die Einsicht, dass Politik einen Maßstab braucht, der größer ist als sie selbst.
Die Formel „Verantwortung vor Gott und den Menschen“, wie sie auch das Grundgesetz kennt, ist deshalb kein frommer Zierrat. Sie ist eine Demutsformel. Sie erinnert die Politik daran, dass sie nicht allmächtig ist, dass sie irren kann und dass sie Rechenschaft schuldet: den Menschen von heute und den Generationen von morgen.
Daraus leitet sich eine wichtige Handlungsmaxime ab: Wer Verantwortung vor künftigen Generationen ernst nimmt, kann weder bei den Staatsfinanzen noch bei der Bewahrung der Schöpfung Politik zulasten der Zukunft machen.
Befähigung vor Versorgung, Aktivierung vor Alimentierung
Nirgendwo wird das „C“ so konkret wie in der Sozialpolitik. Den Schwachen helfen ist christliches wie politisches Gebot. Deshalb ist die Bewahrung und Festigung des Sozialstaates eine vorrangige Aufgabe.
Dabei haben wir uns an der Eigenverantwortlichkeit des Menschen zu orientieren: Jede Hilfe muss zuerst Hilfe zur Selbsthilfe sein. Nur Chancengerechtigkeit und sozialer Ausgleich können die Maßstäbe sein, nicht lähmende Gleichmacherei oder staatliche Bevormundung. Die katholische Soziallehre und die evangelische Sozialethik haben mit den Prinzipien der Subsidiarität und der Solidarität zwei Leitplanken formuliert, die auch im 21. Jahrhundert nicht an Bedeutung verloren haben. Subsidiarität ist auch die Übersetzung des christlichen Menschenbildes in praktische Politik: Der Mensch ist handlungsfähig. Er soll befähigt werden, nicht verwaltet. Zuerst hilft der Mensch sich selbst, dann tragen Familie und Gemeinschaft, und erst wo deren Kräfte nicht reichen, tritt der Staat ein, dann aber verlässlich und mit ganzer Kraft.
Ein paternalistischer Versorgungsstaat verletzt dieses Prinzip ebenso wie ein Staat, der sich aus der Verantwortung stiehlt. Der Umbau des Sozialstaats, für den ich seit langem werbe, ist deshalb kein Bruch mit dem „C“, er ist seine Konsequenz. Und mehr noch: Effizienz ist in diesem Verständnis kein technokratischer, sondern ein ethischer Imperativ. Ein bürokratisches und undurchschaubares System ist keine Fürsorge, es ist eine Zumutung. Wer Ressourcen im Verwaltungsdickicht verschwendet, die den wirklich Bedürftigen fehlen, handelt nicht sozial, sondern ungerecht. Vereinfachung, Digitalisierung und das Once-Only-Prinzip sind darum auch eine Frage der politischen Ethik.
In der Sozialpolitik bedeutet das: Befähigung vor Versorgung, Aktivierung vor Alimentierung, Eigenverantwortung als Ziel, aber nie als Härte gegenüber den Schwachen. Es ist kein Widerspruch, gleichzeitig für weniger Bürokratie und mehr Menschlichkeit einzutreten. Im Gegenteil: Ein System, das Menschen mit Komplexität überfordert, produziert eine strukturelle Form der Ungerechtigkeit.
Leistung ist die Basis für den Sozialstaat der Zukunft
Zur Subsidiarität gehört Solidarität, und beide zusammen ergeben erst das ganze Bild:
Wer kann, trägt mit. Wer nicht kann, wird getragen.
Daraus folgt dreierlei:
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Arbeit muss sich immer lohnen. Es ist eine fundamentale Ungerechtigkeit, wenn derjenige, der jeden Morgen aufsteht und arbeitet, am Monatsende kaum mehr hat als derjenige, der arbeiten könnte und es dauerhaft nicht tut. Das Leistungsprinzip ist kein Widerspruch zur christlichen Soziallehre. Es ist Ausdruck der Gerechtigkeit gegenüber denen, die das System mit ihren Beiträgen erst ermöglichen.
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Die andere Seite derselben Medaille lautet: Wer nicht kann, darf niemals zur Verhandlungsmasse fiskalischer Debatten werden. Ein gutes Beispiel ist der Nachteilsausgleich für gehörlose Menschen. Wir haben lange darum gerungen, auch mit uns selbst und mit einer angespannten Haushaltslage. Umso mehr zählt, dass CSU und Freie Wähler sich nun darauf verständigt haben, diesen Nachteilsausgleich noch in dieser Wahlperiode einzuführen. Er ist keine Luxusleistung, sondern gelebte Menschenwürde.
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Staatliche Leistungen wie Bürgergeld oder Sozialhilfe bieten Sicherheit in individuellen Notlagen. Nehmen hier Betrugs- oder Missbrauchsfälle überhand, beginnen vor allem die arbeitenden Menschen, an der Gerechtigkeit des Sozialstaates zu zweifeln. Dann ist nicht nur dessen Akzeptanz, sondern die Demokratie insgesamt in Gefahr.
Das “C” und die Künstliche Intelligenz
Wie tragfähig ein Menschenbild ist, zeigt sich dort, wo es neu herausgefordert wird. Bei der Künstlichen Intelligenz geschieht das gerade in hohem Tempo. Algorithmen berechnen Risiken, sortieren Bewerbungen, unterstützen Diagnosen und werden über kurz oder lang auch in der Verwaltung von Sozialleistungen mitentscheiden.
Die sich daraus ergebenden Chancen müssen wir nutzen: Wo Systeme Anträge schneller bearbeiten und Bürger und Unternehmen von Formularen entlasten, ersparen sie ihnen Nerven, Zeit und Geld. Mit dem Fünften Modernisierungsgesetz, das sich gerade im parlamentarischen Prozess befindet, schaffen wir in Bayern die Grundlage dafür, dass einfache Verwaltungsentscheidungen künftig auch durch Künstliche Intelligenz entschieden werden können.
Das christliche Menschenbild zieht hier eine klare Grenze. Entschieden wird über einen Menschen, nicht über einen Datensatz. Jeder Bescheid muss auch weiterhin gut begründet und im Zweifel muss ein Mitarbeiter erreichbar sein, der diese Entscheidung verantwortet. Denn Verantwortung lässt sich nicht an eine KI delegieren. Technik muss dem Menschen dienen und darf ihn nicht zum Objekt machen.
Das „C“ und das „S“ gehören zusammen
Das „S“ beschreibt das Handwerk, das „C“ den Kompass. Am Ende gehört beides zusammen. Reformen ohne Wertefundament laufen ins Leere, weil niemand mehr weiß, wofür sie eigentlich gemacht werden. Werte ohne Reformbereitschaft bleiben Sonntagsrede. Die CSU war immer dann stark, wenn sie beides verbunden hat: klare Diagnosen, mutige Entscheidungen und ein Menschenbild, das jeder Entscheidung Richtung und Grenze gibt.
Unser Ziel ist es, auch in Zukunft eine
Politik für die breite Mitte der Gesellschaft zu machen. Wer die arbeitende Mehrheit verliert, verliert am Ende die Demokratie. Diese Mitte gewinnt man nicht durch Anbiederung an Populisten, sondern durch überzeugende Antworten, die aus einer klaren Haltung kommen.
Das „C“ ist dabei kein Ballast aus der Vergangenheit. Es ist unser stärkstes Argument für die Zukunft. Wir müssen es nur wieder ernst nehmen: nicht als Etikett, sondern als Maßstab.
Denn wenn das Soziale leidet, bröckelt unsere Demokratie. Und wenn die Werte schwinden, verliert das Soziale seinen Grund.
Beides zum Wohl der Menschen in unserem Land zu verbinden, ist für die Christlich-Soziale Union auch im 21. Jahrhundert der Auftrag.
Grafing, im September 2026
Thomas Huber